Auf der Suche nach
Friedrich Nietzsche
und der großen Liebe

Nietzsche und Beziehungsdilemma! Was könnte besser passen und sich gleichzeitig mehr ausschließen als die pathetisch-ironische Philosophie des großen Unzeitgemäßen und die verwegenen Erwartungen sowie trübenden Niederungen, die sich ereignen, wenn zwei aufeinandertreffen?


Der Erzähler Franz schlittert in eine fiktional-reale Dreiecksbeziehung, als die Beziehung zu Rebecca zu erodieren beginnt: Immer mehr steigert sich Franz in einen Monolog mit dem Diagnostiker und Überwinder des Nihilismus hinein, driftet zwischen Selbstauflösung und Bestimmung. Nietzsche als Brennpunkt von Rastlosigkeit. „Je verlotterter das Leben, umso ergiebiger das Denken“, könnte das Motto von Franz sein, einem sich an seinem Übervater wundreibenden modernen Menschen, der seine Identität findet, indem er sich verliert.

Bitte klicken, um zu einer druckfähigen Ansicht zu gelangen. Das Cover ist unter Berücksichtigung des copyright honorarfrei zu verwenden : (c) Jessica Tremp

Bis dass der Tod uns meidet. Roman

Limbus 2013. Reihe Zeitgenossen.
Erschienen Mitte März 2013              

Gebunden mit Schutzumschlag. 278 Seiten

Preis: 21,90 € (A/D)

ISBN 978-3-902534-75-0

Foto: Wolfgang D. Mink

Bis dass der Tod uns meidet

 

Aus verschiedenen Kapiteln gewählte Passagen ohne Anspruch auf Kontextualität und Ausführlichkeit; es sollen vielmehr die sehr unterschiedlichen Tonlagen anschaulich werden.

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Am Nachmittag gingen wir die Esplanade entlang. Die Wellen des Traunsees schlugen gleichmäßig und aufbegehrend gegen den steinernen Kai. Ein Schwan landete auf der Wasseroberfläche. Ich hatte gar nicht mehr damit gerechnet, breitete er doch bereits hunderte Meter vor der Landung seine Flügel aus und streckte dabei den ganzen Rumpf. Mir schien, als würde er diese Pose bis auch noch in die letzte aller Ewigkeiten halten. Als er aufsetzte, glitt er erst mit seinen platten Füßen einige Meter auf der Oberfläche des Wassers und schloss dann die mehr als zwei Meter ausgebreiteten Flügel, als würde er nicht nur die Luft vor ihm, sondern ganz Gmunden umarmen. Lange noch nach seiner Landung bewies die im Wasser gezogene Spur, die erst langsam verschwand, seinen Sinn für Ästhetik. Sie ähnelte dem weißen Schweif, mit welchem Flugzeuge den blauen Himmel teilen. Der Schwan trieb jetzt leicht auf dem Wasser. Ein Körper, frei von allem Gewicht. Sein Hals neigte und hob sich. Den Applaus dachte man sich, die Vorstellung war zu Ende. Er steckte seinen Kopf unter Wasser. Die Enten trieben nicht minder schwebend, Bojen gleich, zwischen Schiffen hin und her. Der Anblick ließ an eine Wiege denken, die gleichmäßig nach links und rechts schwenkte. Das federne Kind darin schnatterte. Rebecca hatte feuchte Augen, drehte sich weg von mir, als ich sie ansah und zu einem Wort ansetzte. Es war schwer auszumachen, ob es der Luftzug war, der ihre Augen tränen ließ. Es mochte fünfzehn Grad haben, doch vom See kamen immer wieder einzelne kalte Luftstöße. Unter meinem Wollmantel dampfte es mehr und mehr.

Außer den Enten und Schwänen säumten willkürlich ausgesetzte Pärchen die Promenade. Woran in diesen Gesichtern ließ sich ihr Talent bemessen, sich glücklich zu fühlen? Die Spaziergänger dieses Samstagnachmittags boten wenig Angriffsfläche, um Szenen vieler Ehen zu entwickeln. Umarmt und leicht gingen sie dahin. Vielleicht glückte ihnen dieses gemeinsame Leben nur einen Spaziergang lang und dann fielen sie auseinander in die jeweils eigenen Leben?

Rebecca. Die Fesselnde, die Verbindung Schaffende, die Bestrickende … sie hielt einer Schar von Kindern ein Säckchen mit Brotstücken hin, diese nahmen das Futter gierig, als hätten sie selbst Hunger, entschieden dann aber doch anders und warfen es der quakenden Herde zu.

 

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Ich habe wirklich keine Ahnung, wie der Mensch besser in seinem Dasein aufgehoben sein könnte als in der Feier des Körpers. Nietzsche war vielleicht mehr Puritaner, als er ahnte, als er ebenfalls in Jenseits von Gut und Böse schrieb: „Der Unterleib ist der Grund dafür, dass der Mensch sich nicht so leicht für einen Gott hält.“ Nein, entschieden nein. Nietzsche als zu kurz gekommener Satyr, als unausgegorener, auf halbem Weg verhungerter Dionysos? Der Unzeitgemäße war in seinem eigenen Moralkorsett erschreckend zeitgemäß. Der Unterleib ist vielmehr der hauptsächliche Grund dafür, warum ich überhaupt noch an etwas Göttliches denken mag … wenn mich dieser Gott auch oft in die Hölle geschickt hat. Dennoch, der Unterleib war stets meine bessere Hälfte.

 

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Das Sein kann ja gar nicht anders als zu schaffen, nein das klingt noch zu aktiv, das Sein passiert. Also gut, das Sein ist. Auch wieder nicht korrekt. Eher noch das Sein gebiert Seiendes. So ähnlich müsste es klingen, probte einer für einen Martin-Heidegger-Imitations-Contest. Vielleicht lassen sich das die Show-Verantwortlichen einmal einfallen, wenn der zehntausendste Elvis-Presley-Epigone gefeiert, der tausendste John Lennon-Kopist erschossen wurde, dann wird es ‚Bühne frei‘ heißen für einen Martin-Heidegger-Speakalike-Wettbewerb. Ich konnte mir durch-aus Chancen zubilligen, sollte ich zugelassen werden.

 

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Mit Masturbation ist man auf der sicheren Seite“, beruhigte ich mich. „Es erwartet einen nur ein sehr kleiner Tod.“ Ich war in einem Alter, in welchem selbst drei Abschüsse am Vormittag nicht bedeuten, dass der Kopf am Nachmittag so richtig frei ist.

Im Vorlesungssaal schrieb ich:

Augustinus: Geist wächst nicht auf trockenem Boden, sondern aus dicken Hoden.

Descartes: Ich ficke, also bin ich.

Kant: Dem Unmündigen rufe zu. Habe Mut, dich deines Schwanzes zu bedienen.

Pascal: Das ganze Unglück der Welt besteht bloß, weil der Mensch nicht in Ruhe in seinem Zimmer sitzen kann und selbstgenügsam vor sich hin masturbiert.

Hegel: Der Weltgeist steckt in allen Löchern.

Wittgenstein: 1.1. Die Welt ist alles, was der Phallus ist.

In diesen Tagen wurde mir bewusst, dass mein Geist für eine klassische Karriere im engen akademischen Zirkel nicht tauglich sein würde.


Am 10. Oktober 2013 fand im Rahmen der Sende-Reihe von Literadio eine Aufzeichnung
von Lesung und Gespräch in Frankfurt statt.

Hier können Sie diese hören: