erschienen im Wieser Verlag, Kla
genfurt/Celovec 2008
208 Seiten, gebunden,
Vor- und Nachsatz, Lesebändchen, Prägedruck,
EUR 12,95, ISBN-13 978-3-85129-787-4
Dieses Zitat aus dem Buch Ostseeatem von Alexander Peer und Erwin Uhrmann steht
stellvertretend für die Atmosphäre der literarischen Texte. Sich selbst
neu erfahren ist der Charakter jeder Reise, jeder Begegnung. Die Ostsee verankert
den geographischen Raum der Erzählungen.
Vilnius, Riga und Tallinn spielen darin zentrale Rollen. Es ist jedoch kein
Buch über das Baltikum, sondern ein Buch, welches das Baltikum mitgeschrieben
hat und wo noch einmal der Mythos vom geheimnisvollen Baltikum intakt davon
kommt.

Reiseerzählungen, Liebesgeschichten, eine essayistische Auseinandersetzung
mit den Wendejahren und Kriegs- und Nachkriegsdramen finden darin genauso Platz
wie das Gedicht Die Datschas, das noch einmal Mut macht, von einem
vereinten Europa zu träumen.
Sprachlos sind wir immer dann, wenn wir etwas zu sagen hätten
heißt es etwa in der melancholischen Kurzgeschichte Meines Großvaters
Schoß, die von einem schweigsamen, durch die Kriegsjahre mutlos
und verknöchert gewordenen Mann erzählt, der durch die kindliche Unbefangenheit
des Enkels wieder Zugang zu Gefühlen findet. In diesem Buch finden das
Vergessene und Intime seine Sprache und damit seinen Platz.
Buchbestellung bei mir mit Widmung, wenn erwünscht.
(+ 3,- Euro Porto und Versand innerhalb von Österreich, + 6,- Euro Porto und Versand innerhalb von Europa)
Einen weiteren Eindruck des Buches Ostseeatem bietet der folgende Textauszug:
Über die Neigung sich in der Ferne zu verlieben:
Textprobe 1: Anfang
6. Oktober Nachmittag
Eine ganze Nacht lang habe ich eine Reise durch die Nacht gemacht, in einem
bequemen und wohltemperierten Abteil des Zuges von Warschau nach Vilnius.
Ich habe auf die dunkle Fensterscheibe geblickt und die Landschaft hinter ihr
entworfen. Ich war die Sonne und der Schatten, der Wald und die freie Sicht,
das LKW-Brummen auf der Straße, die Ruhe im Niemandsland und das Niemandsland
selbst, ein Junge, der zu spät in die Schule kam, ein Haus, das von einer
Stadt überwuchert wurde, dann war ich der Horizont am Ende einer endlosen
Wiese
und schließlich ein Schuldschein, den niemand einzulösen
vermochte. Ich war das Versprechen, dass das Leben schön sei, aber keiner
nahm sich dafür Zeit; jeder ging achtlos an mir vorüber.
Textprobe 2: Ende
16. Oktober – Nacht
Gintaré hat rotes Haar. Jetzt schläft sie schon. Ich denke an das
Zugticket, an die Unmöglichkeit, meinen Aufenthalt zu verlängern,
ohne Bargeld, ohne Bankomatkarte, ohne Zivilisationserscheinungen, die ich jetzt
umso heftiger herbeisehne, je stärker ich sie bislang verschmähte.
Ich saß in einem Tanzclub und schrieb einige Reiseeindrücke nieder.
Viel habe ich über die leidvolle Geschichte dieser Länder erfahren.
Ich arbeitete mit jedem Wort meinen dabei empfundenen Schmerz ab; ich habe mich
durch die Schönheit mancher Gesichter und Gebäude vergewissert, dass
das Leben überlebt hat.
Ich trank das säuerliche Bier, Svyturys, das ich mittlerweile schon liebgewonnen
hatte, und hörte auf die wohligen Klänge eines Jazztrios. Dann sah
ich mehr aus Zufall denn aus der Absicht des bekannten prüfenden, männlichen
Blicks heraus zum Nebentisch hin und erblickte dort eine Frau, die augenblicklich
in mir einen Knopf zu betätigen schien, der ein Programm für die Aufgabenstellung,
die Frau muss ich kennen lernen, in Gang setzte.
Der erste Teil dieses Programms beinhaltet das Wie. Ich stand auf und ging zu
ihr, um sie auf ein Getränk einzuladen. Ich habe den unangenehmen Teil,
als Ausländer betrachtet und behandelt zu werden, schon erlebt, jetzt aber
erlebte ich den angenehmen, aber ebenso wenig angebrachten Teil, denn die Aufmerksamkeit,
die sie mir entgegenbrachte, hätte mir als Einheimischem womöglich
nicht gegolten.
Nun kamen wir zum Was. Was also reden, tun. Aber plötzlich hörte da
ein Programm auf und also ein Nachdenken. Plötzlich fragte ich jemanden,
was er tut, wie er lebt und woher er kommt und wirklich ich wollte
es wissen, augenblicklich, ein Ums-Leben-Reden!
Und dann war es wieder da, dieses Leuchten in den Augen, das für so lange
Zeit verschollen zu sein schien, das Leuchten in meinen Augen, wenn andere Augen
in diese leuchteten; man müsste wohl Vater nennen mich, wenn es möglich
wäre, mit Blicken Kinder zu zeugen.
Wir tanzten und es war schon die Hälfte des Liebesakts. Später irrten
wir durch die Stadt, wir konnten nicht zu ihr, da sie nicht allein wohnte, meine
Herberge schied aus ästhetischen Gründen aus und ich holte die letzten
verbleibenden 100 Euro aus meiner Brieftasche, um sie dem nächsten Rezeptionisten
eines Hotels eilig aufzudrängen; rasch der Griff zu einem Kärtchen,
do not disturb.
17. Oktober Mittag
Wir haben Hunger, essen aber nichts. Wir versuchen zu reden, schaffen es aber
nicht. Ich bin gelähmt und sitze mit Dornröschen in einem Café,
ich komme nicht hin zu ihr, um sie aus ihrer Erstarrung wach zu küssen.
Wir gehen durch die Stadt, wollen uns in Bewegung verlieren und finden uns im
Festhalten. Gleichzeitig baut die Skepsis kleine Schutzbunker, was soll denn
schon daraus werden?
Die Distanzierung versichert sich ihrer Rechtmäßigkeit.
18. Oktober Nachmittag
Wieder rauschen Felder an mir vorbei und das Gepolter der Geleise ist der Meisel,
der mein Herz bearbeitet. Mit jedem Meter wird es kleiner, es soll keine Form
herausgeschlagen werden, es soll abgetragen werden. Hier, auf der Strecke von
Vilnius nach Warschau, soll es zerstückelt ausgestreut werden. Werden das
die Kieselsteine sein, die mich zurückführen?
Ich weiß nichts von Gintaré, vielleicht brauche ich das, nichts
zu wissen, vielleicht brauche ich diese letzte Verbindung zu einer Jugend, die
sonst für immer verloren wäre.
Vielleicht ist es gut, dass sie meine Adresse hat und vielleicht schreibt sie
mir. Vielleicht werde ich zurückkommen. Vielleicht bald. Vielleicht sollte
ich sie langsam dem Vergessen überantworten, als könnte man seine
Hausaufgaben so einfach auf das Pult eines unbekannten Nachbarn legen und hoffen,
dass sich dieser der Sache annimmt.
Vielleicht gibt es das, ein Ankommen bei gleichzeitigem Unterwegssein.
copyright (c) by Alexander Peer

schreibt in seinem Blog
Der Verdacht des Mädchenhandels durfte nicht ausgesprochen werden, heißt es ziemlich am Anfang der Erzählung Des gefallenen Engels Feder, als bereits klar ist, dass es genau darum geht. Ein junges Mädchen vom Land ist im Dunkel der Großstadt verschwunden und ein deutscher Forscher wechselt vorübergehend die Profession, wird vom Historiker zum Detektiv. Und auch eine Feder spielt eine Rolle, eine Füllfeder nämlich, die im Fortgang der Geschichte mehrmals ihren Besitzer wechselt.
Die Feder des gefallenen Engels wird so zu einer vieldeutigen Metapher. Ich denke z.B. daran, dass sich Platon die Seele in ihrem reinen Zustand als gefiedert vorstellte. Der Verlust der Feder(n) geht bei ihm einher mit einer Erniedrigung, der Gewinn der Feder(n) mit einer Erhöhung, mit einer Vergeistigung. Diese Vorstellung wird aber sogleich überlagert von einer anderen, nämlich von der Macht, von der Ermächtigung, die mit der Schreibfeder verbunden ist. Der Historiker sinnt über solche Zusammenhänge nach:
Anmaßend ist es sicherlich zu behaupten, es gäbe so etwas wie eine europäische Geschichte. Ich denke, es handelt sich vielmehr um ein inhomogenes Bündel von Perspektiven und Interpretationen. Geschichte als die Summe der Geschichten.
Was hat das nun mit dem Mädchenhandel zu tun? Nun, der Historiker wird in seiner Rolle als Detektiv dieselbe Erfahrung machen. Wer die Feder hat, ist Herr über die Interpretation, gibt die Perspektive vor. Und die ändert sich, wenn die Feder von einem zum anderen wandert. Am Schluss landet sie bei einem Mädchen, das der gefallene Engel sein könnte. Der Historiker übergibt sie ihr und sagt: Die Geschichte, die ich schreiben wollte, war entschieden zu schwer für diese leichte, glänzende Feder. ( ) Sie entglitt mir immer wieder, ohne dass ich recht anfangen konnte. Wer kann schon eines anderen Geschichte schreiben?, antwortet das Mädchen und nimmt die Feder.
Petra Öllinger für Evolver
Melancholisch. Verliebt. Reisend. Denken Sie hin und wieder über das Baltikum nach? Wir auch nicht. Diese beiden Autoren allerdings schon ... und sie lieben es!
Nicht nur in die Länder des Baltikums, auch in deren Bewohnerinnen ist der Ich-Erzähler in Alexander Peers Kurzgeschichten, Erzählungen und Grotesken häufig verliebt - oder zumindest aufgeregt über sie erregt. Atmosphärisch dicht und fernab jeglicher touristischen Verklärung kommen Peers Journalaufzeichnungen ("Über die Neigung, sich in der Ferne zu verlieben") daher. Wenn er schreibt "Außerhalb der Altstadt fängt ein Riga an, das schon gar keinen Grund darstellt, in Riga zu bleiben", da will man schon genauer wissen, warum dem so ist, und leise kitzelt die Reiselust im Bauch. Berührend, ohne im gefährlichen Erinnerungskitsch zu versinken, ist auch seine Erzählung "Meines Großvaters Schoß". In "Vilnius.Nacht" wiederum durchblinzeln witzige Passagen die latente Traurigkeit der Reise, wenn der Autor trocken feststellt, daß jeder seine Kirche habe in Vilnius. Und gebeutelt von religionskritischen Gedanken folgt die Aufforderung: "Sollen sich doch die anderen einen Gott suchen, bei dem man nicht weiß, wie lange seine Gutmütigkeit anhält."
Lokalkolorit aus dem Baltikum, aber auch geschichtliche Spuren und soziale wie wirtschaftliche Schwierigkeiten der Gegenwart bilden einen inhaltlichen Bezugspunkt, die vorkommenden Personen und die Handlung, in die sie verstrickt sind, hat jedoch eine Gültigkeit jenseits von Verortung und Zeit. Die sinnliche Kraft der Erzählungen wird zum einen durch den Gegensatz von äußeren Kälte und dem Bedürfnis nach Nähe und Harmonie geschaffen, zum anderen durch eine nah an den Befindlichkeiten der Protagonisten orientierte Prosa geprägt.
Albert Gregor für die Wiener Zeitung
"(...) Es ist also keine Postkartenidylle, über die der "Ostseeatem" streift. Daher kommt der Mythos vom "geheimnisvollen Baltikum" hier noch einmal ziemlich intakt davon."
Barbara Zeman für The Gap
"(...) Um dieses Buch (...) zu lesen, braucht es Atemwölkchen vor dem Mund, blaue Fingerspitzen in der Nebelsuppe und stickig-heiße Gaststuben."

Thomas Fröhlich für etcetera
"(...) trotz temporärer - erschöpfter - Gemächlichkeit (nie: Gemütlichkeit) wartet eine gefühlsmäßige Achterbahnfahrt auf die potenzielle Leserschaft: was beinahe wie ein literarischer Reiseführer über das Baltikum beginnt, verlässt sogleich die ausgetretenen Pfade und führt mit sprachlicher Finesse nicht zuletzt an jene Orte, die nur in der Vorstellung existieren - bis sie bereist werden. "Mein Name ist verschwunden, weil ich die Zeit hatte, ihn zu vergessen..." Auf diesen "Ostseeatem" sollten Sie allerdings nicht vergessen... Wärmste, pardon, eisigste Empfehlung!
Bei Interesse an einer Lesung aus dieser Anthologie oder wenn Sie das Buch mit einer persönlichen Widmung bestellen möchten, wenden Sie sich bitte an mich.